Der Rückriem wird zur Ballstation, am Serra wird gelockt, beim Gräsel herrscht Flaute. Wer hier weiß, was gemeint ist, ist sowohl Kunstfreund als auch Pokémon Go-Spieler – oder „Pokémongo“, wie gern gespöttelt wird. Das Kunstgebiet wird zum Jagdrevier, der Kultur-Spaziergang zur Safari. Aber erstmal der Reihe nach.

In den letzten Tagen ist das Thema in den sozialen Medien explodiert: Pokémon Go, Nintendos neuester Streich. Wer erinnert sich nicht an die Zeit um die Jahrtausendwende, in der die kleinen Monster aus Japan Fernseher und Spielekonsolen eroberten? Nun gibt es seit wenigen Tagen auch in Deutschland eine Art Relaunch des Erfolgskonzepts. Jetzt kann man selbst mit dem Smartphone in der realen Welt auf Monsterfang gehen, Punkte sammeln, Kämpfe bestreiten und Arenen für sich beanspruchen. Twitterer zwitschern sich die Finger wund, das ganze Netz feiert das spaßige Spiel. Und natürlich ist auch in unserer Agentur das Pokémon-Fieber ausgebrochen.

Dies gebar die Idee einer ungewöhnlichen Kombination. Für eines unserer liebsten Projekte, den digitalen Kunstführer kunstgebiet.ruhr, haben wir mittlerweile 23 Kunstrouten entwickelt, die auf verschiedenen Wegen die öffentliche Kunst im Revier erkunden lassen. Und wie der Zufall so spielt – unser „Kunstspaziergang Essen“ startet direkt am Museum Folkwang, nur wenige Schritte von unseren Räumlichkeiten im Glückaufhaus entfernt. Warum nicht das Schöne mit dem Schönen verbinden und die Kunstroute begehen – mit dem Smartphone in der Hand auf der Suche nach den kleinen bunten Monstern mit so illustren Namen wie Enton (aus Tirol?), Schiggy (Schiggy Schiggy Lady?) oder Tauboga (Humphrey Taubogart?)?

So wurde kurzerhand von der Geschäftsführung ein Termin angesetzt: Freitag, 9.30 Uhr, alle Pokémon-affinen Mitarbeiter sollen dabei sein. Und so geschah es! Auf in die sonnendurchfluteten Straßen Essens. Erste Station ist laut Routenplan Richard Serras „Inverted House of Cards“. Doch schon direkt nach Verlassen des Gebäudes sabotieren Taubsis unseren Plan. Mit Pokémon Go kann man keiner Route streng folgen, denn die Monster sind überall. Und da muss man dann eben auch mal einen kleinen Umweg über den Umraum nehmen.

Weiter geht es über die große Brücke zum Museum Folkwang, auf der uns direkt ein Yorob begegnete, welches sogleich von unserem Grafik-Azubi Norman gefangen wurde. Endlich am Museum angelangt machte sich Olaf – unser Geschäfts- und Reiseführer – an die Verfolgung eines weiteren Pokémons, sodass uns der Weg dann rechts vorbei am Museum führte und unsere nächste Kunstwerk-Station statt Richard Serra nun der „Trecker“ von Ludger Gerdes wurde. Ein begehrtes Hypno sorgte für einen kleinen Abstecher in eine Seitenstraße. Friedrich Gräsels „Schiffsketten“ waren monsterfrei und auch die große Wiese, auf der Richard Serras „Inverted House of Cards“ residiert, schien zunächst wenig erfolgversprechend. Doch das Glück war den Jägern hold – zwei junge Damen im Teenager-Alter saßen auf der Museumstreppe und waren fleißig am „locken“, was ein paar Rattfratze zu Tage führte. Und Richard Serra stellte sich als Ballstation heraus. Weiter ging es, vorbei an Umraum und Dynamik – ebenfalls eine Ballstation – in den beschaulichen Stadtgarten. Der schien zunächst stärker von realen Taubsis als von virtuellen bevölkert zu sein. Auch ein paar reale Entons gesellten sich hinzu.

Stephan Hubers „Cello“ brachte Olaf sechs Bälle und hundert Punkte. Derweil stellte Art Director Markus fest, dass er voll ist und Norman freute sich über ein geschlüpftes Ei. IT-Experte Carsten – Nicht-Pokémonist – stellte derweil die Meta-Frage in den Raum, wie es sich anhören würde, wenn jemand im Park steht und sagt „Mein Ei ist geschlüpft!“. Diese Frage lassen wir an dieser Stelle unbeantwortet.

Und das Gebüsch bei Wolfgang Liesens „Platz für einen rezitierenden oder freisprechenden Menschen“ barg eine Überraschung: ein Schiggy! Olafs erstes, der somit eine Medaille für insgesamt zehn Wasser-Pokémons erhielt. Norman konnte sich derweil ein seltenes Austos sichern. Weiter ging es an Ulrich Rückriems „Finnischer Granit, gespalten“ vorbei (waren da etwa Monster am Werk?). Erst an der Philharmonie tauchten wieder Pokémons auf – offenbar Freunde klassischer Musik. Und am Aalto-Theater trieb dann Rossana ihr Unwesen, gern auch als „Die Trulla mit dem wehenden Haar“ bezeichnet. Wenn das mal kein schöner Titel für eine Oper ist.

Die große Wiese brachte noch ein Traumato zu Tage – Essen ist offenbar ein beliebtes Gebiet für Traumatos (Traumati?) und so konnte die Reise fröhlich und erfolgreich weitergehen, Richtung Moltkeplatz. Der Weg dorthin brachte wenig Ertrag, jedoch direkt davor versteckte sich im Gebüsch ein Hypno, das erfolgreich gefangen wurde. Ein äußerst begehrtes Pokémon. Am Moltkeplatz gab es für die Kunstfreunde unter uns mehr zu entdecken als für die Monsterjäger: Friedrich Gräsel, Ansgar Nierhoff, erneut Ulrich Rückriem, Gloria Friedmann und mehr stehen in geselliger Runde beeinander.

Auf dem Rückweg noch einen schnellen – aber leckeren – Espresso gegönnt, trafen wir gut bestückt mit neuen Pokémons und interessanten Kunst-Eindrücken wieder in unseren Arbeitsräumen ein. Markus hatte noch auf der Straße den Versuch unternommen, ein Traumato dingfest zu machen, doch es konnte sich immer wieder befreien. Als im Eingangsbereich das letzte Rattfratz gesichert werden konnte, war unser Jagdausflug vorbei.

Falls also sich jemand über die fünf Verrückten gewundert hat, die am Freitagmorgen in Essen durch die Grünanlagen liefen und seltsame Sätze sprachen wie „Ich habe ein Schiggy!“, „Mein zweites Ei brütet gerade“ oder „Essen ist Traumato-Gebiet“ – das waren wir. Wer auch mal unseren Kunstspaziergang machen möchte – ob als Pokémon Go-Crossover oder nur im Namen der Kunst – dem sei die Route ans Herz gelegt.